Soziale
und institutionelle Bedingungen für
Verbrauchervertrauen in Lebensmittel
Verbrauchervertrauen in Lebensmittel
2002 - 2004 Contract No QLK1-CT-2001-00291 3
Trotz der europäischen Harmonisierung der Gesetzgebung
und der Marktintegration gibt es große Unterschiede im Ausmaß des Ver-
trauens in Lebensmittel und in die beteiligten Institutionen und Akteure.
Ebenso wie die Norweger und Dänen haben britische Verbrau- cher großes
Vertrauen in die- jenigen Lebensmittel, die sie nach Hause bringen. Nur
wenige italienische und por- tugiesische Verbraucher haben großes Vertrauen,
aber viele sind misstrauisch. Deutsche nehmen hier eine mittlere Position
ein.
Vertrauen ist unterschiedlich ausgeprägt
In welchem Ausmaß halten Sie die Lebensmittel,
die für Ihren Haushalt ein- gekauft
werden, für nicht schädlich? Verbraucher
stehen im Mittelpunkt der Debatten zur aktuellen Lebens- mittel- und
Ernährungspolitik. Das Verständnis von dem, was einen “Verbraucher” ausmacht,
unterscheidet sich jedoch in den verschiedenen Ländern. Während britische
Verbraucher am ehesten dem Bild des aktiven und bewussten individuellen
Verbrauchers entsprechen, verlassen sich skandinavische Verbraucher,
norwegische im besonderen, auf den Schutz durch den Staat. Verbraucher
im Süden sind weniger aktiv, trauen aber auch der öffentlichen Kontrolle
nicht, verlassen sich letztendlich mehr auf persönliche Kontakte und
Verbindungen und nehmen damit eine “privati- sierte” Rolle als Verbraucher
ein. Die deutschen Verbraucher bewegen sich zwischen diesen Positionen
und zeigen sich damit am widersprüchlichsten. Die Rolle des Verbrauchers
scheint sich zu verändern. Dies ist insbesonde- re auf der übergeordneten
europäischen Unionsebene sichtbar, aber auch in einigen Ländern. Gleich,
ob der Verbraucher als pri- vates Familienmitglied angesehen wird, das
beschützt werden muss oder als nutzenmaximierender und indi- vidueller
Käufer, sehen wir die Herausbildung einer Bürgerrolle. Dabei wird dem
Verbraucher zugetraut, selbständig zu handeln und Verantwortung für persön-
liche wie auch für politische und gemeinschaftliche Angelegenheiten zu
übernehmen.
Die Rolle der Verbraucher ändert sich
in kleinem Ausmaß Norwegen GB
Dänemark Deutschland Italien Portugal in gewissem Ausmaß
in großem Ausmaß
Eine klare Verteilung von Verantwortlichkeiten
zwischen dem Staat, den verschiedenen Marktakteuren und dem einzelnen
Verbraucher scheint Verbrauchervertrauen zu begünstigen. Länder mit geringen
Vertrauensniveaus zeigen erhebliche Auseinandersetzungen zwischen den
Akteuren und ein unklares Bild der Verteilung von Verantwortlichkeiten.
Hohes Verbrauchervertrauen spie- gelt dagegen Konsens und Klarheit über
die Verteilung von Verantwortlichkeiten wider. Dies ist besonders offensichtlich
bei Kontroll- und Aufsichtsbehörden.
Verteilung von Verantwortlichkeiten Konfrontiert
mit diesen unterschiedlichen Konfiguratio- nen von Akteuren, vertrauen
Verbraucher manchen Akteuren mehr als anderen. So wird, zum Beispiel
im Fall eines Lebensmittelskandals, grundsätzlich Ver- braucherorganisationen
und Ernährungsexperten am häufigsten zugetraut, die Wahrheit zu sagen,
gefolgt von Lebensmittelbehörden und den Medien. Marktakteuren – Bauern,
der Lebensmittelindustrie und dem Handel – wird dagegen bedeutend weniger
ver- traut. Aber es sind gerade die Marktakteure und die Lebensmittelbehörden,
die das größte Einflusspotential auf Verbrauchervertrauen in Lebensmittel
haben, da sie die meiste Macht haben und die Kontrolle der Lebens- mittel
sichern. In den Ländern mit hohem Vertrauens- niveau wird zumindest einem
dieser beiden mächtigen Akteursgruppen vertraut, die Wahrheit zu sagen
im Fall eines Skandals. Länder mit geringem Vertrauen in Lebensmittel
haben keine Akteure, die zugleich mit einem großen Machtpotential ausgestattet
und aus Verbrauchersicht vertrauenswürdig sind.
Vertrauen und Macht
Behörden: Lokal, regional, national,
überstaatlich Zivil-Gesellschaft: Experten,
Nicht-Regierungs- organisationen (NROs),
Medien Lebensmittel-Versorger: Bauern,
Hersteller, Händler Verbraucher: Käufer,
Esser, Bürger Darstellung von Strukturen,
Akteuren und Beziehungen Verbraucher-
vertrauen und Misstrauen
Länder mit hohem Vertrauen in Le- bensmittel
haben Distributionssysteme, die auf die Anforderungen von Super- märkten
zugeschnitten sind. Diese Ver- teilungssysteme sind mit besonderen Einkaufsbedingungen
verbunden: mit unpersönlichen Beziehungen zwischen Händlern und Kunden,
einem Schwer- punkt auf Standardisierung und Rou- tinen, abgepackten und
verarbeiteten Lebensmitteln. Dies unterscheidet sich sehr vom Einkauf
beim Metzger, im kleinen Lebensmittelgeschäft und auf dem Wochenmarkt.
Hier werden vor allem frische, unverarbeitete Lebens- mittel angeboten
und die Verkaufsbe- ziehungen sind durch den persönlichen Kontakt geprägt.
Grundsätzlich zeigt sich in jenen Ländern größeres Ver- trauen in die
Lebensmittelsicherheit, in denen fast ausschließlich in Super- märkten
eingekauft wird (Vereinigtes Königreich, Dänemark, Norwegen). Dagegen
zeigt sich in Ländern, in denen auch andere Vertriebswege eine Rolle spielen,
ein geringeres Niveau von Verbrauchervertrauen. Vertrauen in die Lebensmittel-
sicherheit ist also möglicher- weise verbun- den mit einer hohen Vorher-
sagbarkeit der angebotenen Leistungen. Dieses Vertrau- en kann jedoch ebenso
mit ge- ringeren Er- wartungen und Kenntnissen von Supermarktkäufern zusammenhängen. Vertrauen und
unterschiedliche Distributionssysteme
Vertrauen: Von der Lebensmittel- sicherheit
zur Ernährung? Im Bereich der Lebensmittelsicherheit
scheinen insti- tutionelle Reformen bei Behörden und im privaten Sektor
in einigen Ländern erfolgreich gewesen zu sein. Das bedeutet aber nicht,
dass alle Probleme im Zusammenhang mit Vertrauen gelöst sind. Das Ver-
trauen von Verbrauchern bezieht sich nicht nur auf Lebensmittelsicherheit,
sondern darüber hinaus auf eine ganze Reihe weiterer Themen wie Qualität,
Ernährung, ethisch-moralische Aspekte und Preis- würdigkeit von Lebensmitteln.
So unterschiedlich wie diese Themen in den Ländern gehandhabt werden,
so unterschiedlich ist auch das damit verbundene Vertrauen. Trotz der
umfangreichen Medienbericht- erstattung über Lebensmittelsicherheit verursacht
sie nicht die größten Sorgen. Andere Themen, wie zum Beispiel Ernährung,
tauchen mittlerweile ver- mehrt in der öffentlichen Diskussion auf. Sie
sind durch beträchtliche Unsicherheit und durch Auseinan- dersetzungen
der Akteure unterein- ander geprägt. Verantwortlichkeiten sind unklar
und lückenhaft, was wiederum zu neuen Wellen von Verbrauchermisstrauen
in Lebens- mittel in Europa führen könnte.
Verbrauchervertrauen
in Lebensmittel. Eine Europäische Studie
zu den sozialen und institutionellen
Bedingungen für die Entstehung von Vertrauen
(2002-2004) Das Ziel des Projekts ist es,
die sozialen und institutionellen Bedingungen für die Entstehung und Aufrechterhaltung
von Verbrauchervertrauen in Lebensmittel zu untersuchen. Im Rahmen der
Studie sollen diejenigen Faktoren identifiziert und analysiert werden,
die die Bildung von Ver- trauen in das Lebensmittelangebot und in Infor-
mationsquellen fördern. Zu diesen Faktoren zäh- len die verschiedenen
Rollen von Behörden, Marktakteuren, Verbraucherorganisationen, Ver- brauchern,
Nicht-Regierungsorganisationen und den Massenmedien. Hierzu wurden zwei
verschiedene Methoden angewendet: (1) eine repräsentative Verbraucherbefragung,
unter anderem zu Aspekten, wie Verbraucher mit Vertrauen und Misstrauen
in der Alltags- routine umgehen, (2) qualitative Erhebungen (Dokumentenana-
lyse, Experteninterviews) zu den Rahmenbeding- ungen von Vertrauen auf
verschiedenen institu- tionellen Ebenen (regional, national, EU). Detaillierter
werden die Beziehungen zwischen Verbrauchervertrauen und kollektiven
Akteuren und Institutionen im Lebensmittelsystem anhand der Lebensmittel
Rindfleisch und Tomaten beschrieben. Das Projekt liefert eine kritische
Analyse alternati- ver Strategien zum Umgang mit Vertrauen und Misstrauen.
Es berücksichtigt die unterschiedlichen Bedingungen in verschiedenen
Ländern Europas. Das Projekt zielt darauf ab, eine politikrelevante Einschätzung
der Rolle von Bürgern und Ver- braucherorganisationen bei der Artikulation
von Verbraucherinteressen im Kontext europäischer Lebensmittelmärkte und
Lebensmittelpolitik abzugeben.
Das Konzept “Vertrauen” Verbraucherbefragung
in 6 Ländern Vergleichende Analyse Institutionenanalyse
Staaten, EU Strategien zur Stärkung
von Vertrauen Vermittlung der Ergebnisse
an Interessengruppen und die Öffentlichkeit
Die Struktur des Projekts
Unni Kjaernes
(Koordinator) The National Institute for
Consumer Research (SIFO) PO Box 4682, Nydalen N - 0405 Oslo - Norway Email:
unni.kjarnes@sifo.no
Roberta Sassatelli Dipartimento di Discipline
della Comunicazione Università di Bologna - Via Azzo Gardino, 23 I - 40122
Bologna - Italy Email: r.sassatelli@uea.ac.uk
Lotte Holm Royal Veterinary- and Agricultural
University (KVL) Research Department of Human Nutrition (FHE) Rolighedsvej
30 DK - 1958 Frederiksberg C-Denmark Email: lotte.holm@fhe.kvl.dk Bente Halkier Roskilde
University Centre Dept. of Communication, Journalism and Computer Science
P.O. Box 260 DK - 4000 Roskilde Email: bha@ruc.dk
Alan Warde, Mark Harvey ESRC Centre for Research
on Innovation and Competition CRIC, University of Manchester/UMIST Harold
Hankins Building - Booth Street West Precinct Centre UK - Manchester M13
9QH Email: Alan.Warde@man.ac.uk; Mark.Harvey@man.ac.uk
Pedro Graça The University of Porto Faculty
of Nutrition (FCNAUP) Rua Dr. Roberto Frias P - 4200-465 Porto - Portugal
Email: pedrograca@fcna.up.pt
Corinna Willhöft Bundesforschungsanstalt
für Ernährung und Lebensmittel (BFEL) Institut für Ernährungsökonomie
und -soziologie Haid-und-Neu-Strasse 9 D - 76131 Karlsruhe Email: corinna.willhoeft@bfe.uni-karlsruhe.de Verantwortliche
Projekt- partnerinnen und -partner Weitere
Informationen Die Institutionenanalysen der
einzelnen Länder und der EU finden Sie unter www.trustinfood.org im Bereich
„Working Papers“.
Laura Terragni, 2004: Institutional strategies
for the production of trust in food in Norway, Working Paper Maria Paola Ferretti,
Paolo Magaudda, 2004: Italy: Between Local
Traditions and Global Aspirations, Working Paper
Annemette Nielsen, Terkel Møhl, 2004: A Decade
of Change in the Danish Food System, Working Paper
Corinne Wales, 2004: Country report: United
Kingdom, Working Paper Mafalda
Domingues, Pedro Graça, M. Daniel Vaz
de Almeida, 2004: Portuguese Consumers Trust
in Food: un institutional approach, Working Paper
Thorsten Lenz, 2004: Consumer first? Shifting
respon- sibilities in the German food system in the light of European
integration and the BSE crises, Working Paper Florence
Bergeaud-Blackler, 2004: Institutional Report:
European Union, Working Paper Zu den
Verbraucherbefragungen: Christian Poppe,
Unni Kjærnes, 2003: TRUST IN FOOD IN EUROPE - A Comparative Analysis,
Working Paper Weitere Veröffentlichungen sind geplant. Details finden
Sie unter www.trustinfood.org Besuchen Sie unsere Webseite: http://www.trustinfood.org
und/oder wenden Sie sich and die Projektkoordinatorin oder direkt an
unsere Projektpartnerinnen und -partner.
Rosanna D'Amario · Scientific Officer European
Commission, DG Research; Directorate E - Biotechnology, Agriculture and
Food; Unit E.2 - Food Quality
Official address: European Commission, B-1049
Brussels Tel.: (+32-2)-298 43 74 (direct line) (+32-2)-296 85 11 (exchange)
Fax: (+32-2)-296 43 22 Email: rosanna.d'amario@cec.eu.int Internet:http://europa.eu.int/comm/d
gs/research/index_en.html Dieses Forschungsprojekt wird unterstützt
von der Europäischen
Kommission, Programm Lebensqualität und Management
lebender Ressourcen (QoL), Leitaktion 1 (KA1) Lebensmittel, Ernährung
und Gesundheit.
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